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Aus der Geschichte des Gesprächskreises und zur Schwulenbewegung in der DDR

»Kann man darüber sprechen?
Homosexualität als Frage an Theologie und Gemeinde«

»Homosexualität ist wie Heterosexualität eine vollwertige und gleichwertige Kommunikationsmöglichkeit des Menschen. Daher ist Homosexualität als solche nicht sündhaft und schuldhaft, nicht krankhaft oder therapiebedürftig und stellt keine Behinderung in der "Identitätsfindung" und "Persönlichkeitswerdung" dar.«
(Erklärung eines evangelischen Pfarrers 1980 in der 
Einladung zum Sonnabendgespräch (pdf))

DIE KIRCHE (Evangelische Wochenzeitung in der DDR) Nr. 8 vom 21. 02.1982 berichtet über eine Veranstaltung der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg (DDR):
Am 09. 01.1982 haben  ⟩  Dr. Manfred Punge (* 26.01.1931; † 13. 08.2014) und  ⟩  Elisabeth Adler  (* 02.08.1926 in Magdeburg; † 15.01.1997 in Berlin) ins  ⟩  Sprachenkonvikt in Berlin-Mitte, Borsigstraße zu einem "Sonnabendgespräch" eingeladen.
Gesprächsleitungen: 
Theologie
: Manfred Punge Theologe;
Medizin/Psychologie: Dr. med. Manfred Schlegel, Facharzt für Psychiatrie und Neurologe

Nach diesem Gesprächsabend trafen sich am 13.04.1982 Interessierte in den Räumen der Evangelischen Akademie. Dr. Manfred Punge informierte über das Echo der Akademie-Veranstaltung. Viele der Teilnehmer wollten die Fragen aufgreifen und die Gespräche fortsetzen. Dazu wurde eine Anbindung gesucht und gefunden. Im Rahmen der Arbeit der „Lebens- und Familienhilfe – Innere Mission und Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Berlin- Brandenburg – Innere Mission“ konstituierte sich der »Gesprächskreis Homosexualität«. Von Anfang an dabei waren Peter Birmle und sein Lebensgefährte Volker Gasser.

Im Herbst 1981 begannen einige Leipziger Schwule, sich in einer privaten Selbsthilfegruppe mit ihrem Schwulsein und vor allem mit ihrer gesellschaftlichen Diskriminierung und einer daraus resultierenden Emanzipation im Rahmen der DDR Gesellschaft auseinander zu setzen.  ⟩ Eduard Stapel (* 30.05.1953 in Bismark (Altmark); † 03.09.2017 ebenda) und ⟩ Christian Pulz  (* 14.12.1944 in Plauen; † 15.04.2021 in Berlin) fuhren nach Berlin und nahmen an der genannten Tagung teil.  Anschließend gründeten sie in Leipzig am 25.04.1982 in der Evangelischen Studentengemeinde den „Arbeitskreis Homosexualität“.  Die Evangelische Studentengemende (ESG) hatte zu einem theologischen Vortrag von Pfarrer Dr. Jürgen Ziemer eingeladen. Motto »Tabu Homosexualität - wie gehen wir damit um?« (Vgl. Eduard Stapel: Warme Brüder gegen kalte Krieger. Schwulenbewegung in der DDR im Visier der Staatssicherheit, 1999) 

Ab dem 01.09.1982 traf sich der Berliner Gesprächskreis Homosexualität regelmäßig in der Philippus-Apostel-Gemeinde. Der Kreis firmierte: »Evangelische Kirche in Berlin Brandenburg – Innere Mission und Hilfswerk«.

In den ersten Jahren begleiteten uns Edda Blauert, Manfred Punge und  ⟩  Peter Bickhardt (13.06.1933 in Dresden; † 06.05.2018 in Radebeul).  

Im Juli 1983 wurde durch Christian Pulz, Karsten Friedel und andere »SCHWULE IN DER KIRCHE Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe bei der Bekenntnisgemeinde« in Berlin-Treptow gegründet. Dieser Kreis löste sich nach der Wende 1989/1990 auf, weil man der Ansicht war, "mit dem Ende der DDR war die Freiheit, für die Lesben und Schwule in der DDR gekämpft haben, das Selbstverständlichste der Welt. Es gab keinen Grund mehr, sich in der Bekenntnis- oder der Gethsemane-Gemeinde bei den Schwulen und Lesben in der Kirche zu treffen.

Ein weiterer »Arbeitskreis Homosexualität« wurde am 12.10.1983 in der Evangelischen Stadtmission Magdeburg unter der Leitung von Pfarrer Urmoneit gegründet. Dieser bestand bis 1991.

Vertrauen wagen auch mit uns HomosexuellenZum Kirchentag im Lutherjahr 1983 in Frankfurt (Oder) sind wir am 18.06.1983 das erste Mal mit einem Forum an die Öffentlichkeit gegangen. Daraufhin interessierte sich die Kirchenleitung für uns, und es gab regelmäßige Zusammenkünfte beim Generalsuperintendenten.

Die Theologische Studienabteilung gab im Mai 1984 die von ihrem Mitarbeiter Dr. Manfred Punge verfasste Studie „Homosexuelle in der Kirche?“ heraus, die ursprünglich auf einen Auftrag der sächsischen Kirche zurückging. Die Studie wurde zu einem auf humanwissenschaftlicher Grundlage basierenden Plädoyer für die Akzeptanz von Homosexualität in der Kirche, begründete dies auch theologisch und forderte, „die unheilvolle Geschichte der Verurteilung und Verfolgung der Homosexuellen nicht länger fortzuschreiben.“ Veröffentlicht wurde diese Studie von der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste Berlin.

06.11.1986: Unter dem Dach der »Inneren Mission und Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Berlin« hatten wir keinen Kontakt, keine Anbindung und Beziehung zu einer christlichen Gemeinschaft. Deshalb suchten und fanden wir hier in der Advent-Zachäus-Kirchengemeinde ein neues Zuhause. Aus dem Protokollbuch der Ev. Adventgemeinde, GKR‐Sitzung am 06.11.1986: „Der GKR wird darüber informiert, dass der Arbeitskreis Homosexualität ab Januar 1987 sich an jedem 2. und 4. Dienstag im Monat in unserer Gemeinde trifft.“

Seit 1986 nahm Peter Birmele (* 18. 03. 1944 in Breslau (im heutigen polnischen Wrocław) - † 30. 04. 2011 in Berlin) die Leitung des Gesprächskreises wahr.  Die Wahrnehmung und Verankerung des Gesprächskreises Homosexualität als Teil der christlichen Gemeinde war ihm ein wichtiges Anliegen. Er wurde in den Gemeindekirchenrat gewählt. Neben der Vorbereitung und Organisation der monatlichen Gesprächskreisveranstaltungen waren es vor allem auch Initiativen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, für die sich Peter bis zu seinem Tod einsetzte.

Siehe: Lothar Dönitz Tief bewegt nehmen wir Abschied - Peter Michael Birmele (* 18.03.1944 † 30.04.2011); Gemeindebrief 10/11 2012 S. 5


 

In unserer  ⟩  Chronik der Jahre 1982 bis 2019 können Sie alle Veranstaltungen, Themen, ... nachlesen. 


Dokumente zur Geschichte des Gesprächskreises und Schwulenbewegung in der DDR

Bis zur Wiedervereinigung gab es in der DDR über 30 kirchliche und nichtkirchliche Arbeitskreise Homosexualität, Gesprächskreise oder Klubs.  


»Konformitäten, Konfrontationen, Kompromisslosigkeiten - Homosexuelle in der DDR«

Akademie Waldschlösschen  - Vierte Fachtagung zur Geschichte der Homosexuellen in Deutschland nach 1945« vom 06. bis 08.12.2013.
Lothar Dönitz: Kirche im Aufbruch. Die evangelische Advent-Zachäus-Gemeinde Berlin und ihr Gesprächskreis Homosexualität: »31 Jahre Schwulen-Urania in (Ost)-Berlin?« Zur Geschichte des Gesprächskreises Homosexualität. Die komplette Dokumentation »Konformitäten und Konfrontationen - Homosexuelle in der DDR« ist im Männerschwarm Verlag erschienen. 


Multimedia

30 Jahre im Gespräch - Gesprächskreis Homosexualität
http://youtu.be/LpyY_4hifro
Interview Peter Birmele
Link: http://youtu.be/BnFYVcSU5YQ
Interview Volker Gasser
Link: http://youtu.be/v6VhAIBH1JI
Interwiev Erhard Günzler
Link: http://youtu.be/sXjnecbLJis
Interview Kurt Hoffmann
Link: http://youtu.be/MtN8p_yZoyA
Interview Joachim Müller
Link: http://youtu.be/V3Q2USIqNWA
Interview Jochen Baron
Link: http://youtu.be/pwkE8ggqjCA
Interview mit Volker Gasser »Entstehung und Motive des Gesprächskreises«
Link: http://youtu.be/d44nW6XSHTU
Besuch im schwulen Museum - Ausstellung Siegmar Pieske
Link: https://youtu.be/S15SSyXB6f4

Reportage Jonas Kühlberg, NDR
Link: Homosexuelle in der DDR: Unsichtbar im Osten
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